1. Geeigneten Lernort auswählen
Am Anfang steht nicht die Technik, sondern eine didaktische Frage: Gibt es einen realen Ort, dessen räumliche oder situative Eigenschaften für das Verständnis eines Lehrinhalts wichtig sind?
Geeignet sind beispielsweise: technische Anlagen, Produktionsstätten, Baustellen, Labore, historische Gebäude, Museen und Ausstellungen, architektonisch relevante Räume, Landschaften und geographische Orte, städtische Räume, medizinische oder pflegerische Lernorte, soziale Einrichtungen, Versuchsanlagen oder Forschungseinrichtungen.
Besonders sinnvoll ist eine Virtualisierung, wenn der reale Ort nicht beliebig oder nicht mit größeren Studierendengruppen besucht werden kann.
Die Plattform „360° Bildung“ zeigt anhand inzwischen zahlreicher Rundgänge, dass das Prinzip über den ursprünglichen Kontext des Umweltingenieurwesens hinaus einsetzbar ist. Die dort verfügbaren Beispiele reichen von technischen Anlagen und Stadtquartieren über Forschungsstandorte bis zum Bauhaus-Kontext. [https://www.uni-weimar.de/de/bau-und-umwelt/forschung/projekt-360-bildung/]
2. Didaktische Einsatzform festlegen
Eine wichtige Erfahrung aus dem Einsatz der Umgebungen ist, dass es nicht die eine 360°-Exkursion gibt. Derselbe virtuelle Ort kann in sehr unterschiedlichen Lehr-Lern-Szenarien eingesetzt werden.
Variante A: Individuelle virtuelle Exkursion als Hausaufgabe:
Studierende erkunden den Ort selbstständig vor oder nach einer Lehrveranstaltung.
Diese Variante eignet sich besonders für Flipped Classroom und Selbststudium.
Mögliche Aufgaben:
- bestimmte Objekte finden,
- Beobachtungen dokumentieren,
- Fragen beantworten,
- Zusammenhänge erklären,
- einen Arbeitsauftrag bearbeiten,
- Ergebnisse anschließend in Moodle einreichen.
Variante B: Individuelle Erkundung während der Lehrveranstaltung
Die Studierenden erhalten innerhalb einer Präsenz- oder OnlineveranstaVariltung Zeit, die Umgebung selbstständig zu erkunden. Anschließend werden Beobachtungen und offene Fragen gemeinsam besprochen.
Diese Variante eignet sich beispielsweise zur Aktivierung zwischen zwei Inputphasen.
Variante C: Dozierendengeführte virtuelle Exkursion
Die Lehrperson führt die Gruppe gemeinsam durch den virtuellen Ort und erläutert relevante Stellen – vergleichbar mit einer klassischen Exkursionsführung.
Die Studierenden können Fragen stellen und Beobachtungen diskutieren. Gerade für einen ersten Einsatz ist dies eine sehr niedrigschwellige Variante, weil keine komplexe Lernaktivität vorbereitet werden muss.
Variante D: Geführte Erkundung mit eingebetteten Lernmaterialien
Informationen werden direkt in den Rundgang integriert. Hotspots können beispielsweise enthalten:
- Erläuterungstexte,
- Detailbilder,
- Diagramme,
- Videos,
- Audiodateien,
- Originaldokumente,
- weiterführende Links,
- Kontrollfragen oder Quizze.
Damit entsteht aus einer reinen Dokumentation des Ortes eine strukturierte Lernumgebung. Genau diese Kombination aus realitätsnahen Panoramen und didaktischen Annotationen wurde in den Arbeiten zu 360°-VR-Spaces als wesentliche Gestaltungsmöglichkeit beschrieben. [https://www.researchgate.net/publication/376488310_360_VR_Spaces_in_Teaching_Creation_and_Application])
Variante E: Gruppenarbeit
Mehrere Lernende bearbeiten gemeinsam einen Arbeitsauftrag. Beispielsweise können unterschiedliche Gruppen verschiedene Bereiche einer Anlage untersuchen und ihre Ergebnisse anschließend zusammenführen.
Dabei muss die technische Umgebung nicht zwingend selbst Mehrbenutzerfähigkeit besitzen: Die Studierenden können einen Rundgang gemeinsam an einem Bildschirm untersuchen oder sich parallel darin bewegen und über ihre Beobachtungen austauschen.
Variante F: Social VR
Weiterführende Systeme ermöglichen es mehreren Lernenden, gleichzeitig im selben virtuellen Raum präsent zu sein. Sie werden durch Avatare repräsentiert, können miteinander sprechen und gemeinsam Objekte und Informationen untersuchen.
Untersuchungen zu Social-VR-basierten Virtual Field Trips zeigen das Potenzial der Verbindung aus virtueller Exkursion, sozialer Präsenz und kollaborativem Lernen; zugleich entstehen zusätzliche technische und didaktische Anforderungen. [https://www.researchgate.net/profile/Heinrich-Soebke/publication/387174904_Combining_360_Spaces_and_Social_VR/links/68c2596607fc6b0e2543ee46/Combining-360-Spaces-and-Social-VR.pdf]
Für den Einstieg ist diese Variante daher nicht erforderlich – sie zeigt vielmehr, wie ein bestehender 360°-Rundgang später zu einem kollaborativen Lernraum erweitert werden kann.
Variante G: 360° Educational Escape Room
Aus einem Rundgang kann ein virtueller Escape Room entstehen. Informationen im Raum werden zu Hinweisen, aus denen Lernende Lösungen ableiten müssen. Erst nach erfolgreicher Bearbeitung einer Aufgabe wird der nächste Schritt oder Bereich zugänglich.
Der Vorteil besteht darin, dass nicht nur Informationen betrachtet werden. Lernende müssen ihre Umgebung bewusst untersuchen, Informationen miteinander verbinden und Probleme lösen. 360°-basierte Educational Escape Rooms wurden im Projekt bereits als niedrigschwellige Form spielbasierten Lernens erprobt; die 360°-Umgebung lässt sich dabei mit webbasierten Aufgaben kombinieren. [https://files.eric.ed.gov/fulltext/EJ1434160.pdf]
Variante H: Selbstständige Exkursion mit digitalem Lernbegleiter
Bei einer selbstgesteuerten virtuellen Exkursion fehlt die Lehrperson, an die Lernende spontan Fragen richten können. Eine Erweiterungsmöglichkeit besteht deshalb in einem KI-basierten Lernbegleiter.
Erprobt wurde beispielsweise die Kombination einer 360°-Exkursion zu einer Biogasanlage mit einem RAG-basierten Chatbot. Dieser greift auf eine kuratierte fachliche Wissensbasis zurück und kann während der Exkursion Fragen zum dargestellten Ort beantworten. In der Pilotstudie mit zehn Teilnehmenden wurde die Kombination hinsichtlich Wissenserwerb, Motivation, kognitiver Belastung und Usability untersucht; die Ergebnisse zeigen das Potenzial einer solchen Unterstützung, machen aber zugleich deutlich, dass der Chatbot als ergänzendes Hilfsmittel gestaltet werden sollte. [https://ieeexplore.ieee.org/document/11366732 ]
Für normale 360°-Lernszenarien ist ein solcher Chatbot keine Voraussetzung, sondern eine mögliche Weiterentwicklung.
3. Eigenen Rundgang erstellen
Soll ein eigener Lernort digitalisiert werden, hat sich ein schrittweises Vorgehen bewährt.
– Lernziele und Aufnahmeobjekt festlegen
Vor der Aufnahme sollte geklärt werden:
- Was sollen die Lernenden erkennen oder verstehen?
- Welche Bereiche des Ortes sind dafür relevant?
- Welche Bereiche sind nicht relevant?
- Welche zusätzlichen Informationen benötigen die Lernenden?
Dadurch wird vermieden, einfach möglichst viel aufzunehmen und erst später zu überlegen, was damit geschehen soll.
– Rundgang planen
Die einzelnen Kamerapositionen werden festgelegt. Dabei sollte aus der Perspektive der späteren Nutzenden gedacht werden: Wo würden sie stehen? Welche Objekte müssen sichtbar sein? Wie gelangen sie von einem Punkt zum nächsten?
– 360°-Aufnahmen erstellen
Die Aufnahme selbst ist relativ einfach, weil eine 360°-Kamera gleichzeitig die gesamte Umgebung erfasst. Erfahrungen aus der Erstellung von elf frühen 360°-Modellen zeigen, dass sich die Aufnahme zu zweit besonders bewährt: Eine Person bedient die Kamera, die andere folgt dem Aufnahmeplan und dokumentiert die Aufnahmepositionen. (ResearchGate)
– Rundgang zusammensetzen
Die Panoramen werden anschließend mit einer Autorensoftware zu einem virtuellen Rundgang verbunden. Navigationselemente führen beispielsweise von einem Raum zum nächsten oder zwischen verschiedenen Bereichen einer Anlage.
– Didaktisch anreichern
Anschließend werden relevante Punkte mit Informationen und Lernaktivitäten versehen. Ein 360°-Modell wird so von einem virtuellen Besichtigungsangebot zu einer didaktisch gestalteten Lernumgebung.
– Testen
Vor dem Einsatz sollte der Rundgang von Personen getestet werden, die den realen Ort nicht kennen. Besonders zu prüfen sind:
- Ist die Navigation verständlich?
- Finden Lernende die relevanten Informationen?
- Ist erkennbar, was bearbeitet werden soll?
- Gibt es überflüssige oder ablenkende Inhalte?
- Sind Texte und Medien gut lesbar?
- Passt der Umfang zum vorgesehenen Zeitrahmen?
Die Erfahrungen aus der Entwicklung mehrerer Generationen von Rundgängen zeigen, dass der Einstieg schrittweise erfolgen kann: Bereits die Produktion eines ersten Modells liefert Erfahrungen, die die Erstellung weiterer Modelle erheblich erleichtern.
Im nachfolgenden Link wird die Erstellung einer 360° Umgebung beschrieben: [https://dl.gi.de/handle/20.500.12116/39940]