Praxisbeispiel

Simulatives Lernen und Lehren als innovativer Ansatz in Fernstudiengängen

Lehrende
Prof. Dr. Bärbel Dangel
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Berufsbegleitend Studierende der pflegewissenschaftlichen Fernstudiengänge (Bachelor und Master) im Fachbereich Gesundheit und Pflege haben relativ geringe Präsenzstudienzeiten an der Hochschule, der Schwerpunkt von Wissen- und Kompetenzerwerb liegt auf dem Selbststudium. Die Präsenzzeiten finden jeweils in Blöcken statt. Die Präsenzzeit soll daher vor allem dem Transfer und der Anwendung der im Selbststudium bearbeiteten Inhalte dienen.

Mit der Simulativen Pädagogik wird eine innovative Methode eingesetzt, die den Transfer von Erlerntem gezielt und spezifisch ermöglicht. Das Besondere des simulativen Lehrens und Lernens ist, dass lernzielgebunden Sachverhalte und Gegenstände situations- und kontext-gebunden in Echtzeit interaktiv und unmittelbar angewendet und durch die Akteur/innen systematisch (selbst) reflektiert werden. Die Szenarien werden per Video dokumentiert und stehen so der nachträglichen Erörterung und Reflexion zur Verfügung.

Lehrende begleiten den Lernprozess, konstruieren Kommunikations- und Handlungsabläufe, steuern und modifizieren sie, um durch Konstruktion und Beeinflussung der ,Realität‘ Lernprozesse so zu gestalten und zu optimieren, damit Lernziele erreicht und Verhaltenssicherheit erworben werden kann.

Herausforderung in der Lehre

Aufgrund der Struktur des Studiums mit hohen Selbststudienanteilen und geblockten Präsenzphasen, die durch Distanzlernen und biografisch-soziale Parameter der Studierenden bedingt sind, stehen regelhaft ausschließlich begrenzte und komprimierte Zeitslots für die Präsenz-Lehre zur Verfügung. Eine Herausforderung liegt darin, die simulativen Lehr- und Lerneinheiten themenbezogen so zu integrieren, dass alle teilnehmenden Studierenden die Möglichkeit haben, eine simulative Lehr- und Lerneinheit zu absolvieren. Vorbereitung und Umsetzung simulativer Lehr- und Lerneinheiten sind zeitintensiv und bislang curricular nicht abgebildet. Insofern erfordert die Integration der Methode Veränderungen in Planung, Ablauf und Umsetzung von Modulen und Lehreinheiten.

Im Rahmen der Simulation kommen meist schauspielende Personen oder technische Simulatoren zum Einsatz. Die Personen müssen gesucht und für die jeweiligen Rollen vorbereitet werden. Sie sollen nicht in einer Beziehung oder Funktion zu den Studierenden stehen (keine Mitstudierenden, etc.), um ,Neutralität‘ und Spezifität von Rolle und Situation wahren zu können.

Mit der Methode verbunden sind auch Rollenveränderungen oder Handlungsentwicklungen der Beteiligten. Lehrende planen die Szenarien, steuern die Umsetzung (Instrukteur/innen) und übernehmen in der Reflexionsphase die Moderation des reproduktiven, reflektiven und evaluativen Gesprächs. Studierende sind aktiv beteiligt in der Umsetzung, auch im Rahmen der Reflexion.

Die Umsetzung des Debriefings ist herausfordernd, weil die strukturierte, nicht bewertende (selbst-)reflektierende, veränderte Betrachtung des Szenarios durch die Beteiligten ungewohnt ist und in Intention und Vorgehen von „Rückmeldung“, Feedback oder Bewertung zeitlich und inhaltlich grundlegend abweichen.

Ziele Ihres Praxisbeispiels

Die Integration von simulativen Lern- und Lehreinheiten verfolgt das Ziel, Kompetenzen der Studierenden zu stärken und ihre praktische Anwendung zu sichern, bevor sie in realen Situationen ablaufen oder erbracht werden sollen. Die Studierenden der Fernstudiengänge verfügen alle über einen beruflichen Abschluss und Zulassung als Pflegefachperson. Mit dem Studium verbunden sind der Regel eine neue oder veränderte berufliche Funktion, Tätigkeit und Verantwortung. Die Befähigung, in bekannten und vor allem unbekannten Kontexten zu handeln, zu entscheiden, und zu interagieren oder zu leiten hat einen hohen Stellenwert im beruflichen Tätigkeitsbereich. Durch den Einsatz der Simulativen Pädagogik können systematisch – an Lernziele gebunden – für das berufliche Handeln (weitestgehend) reale und relevante Situationen erlebt und reflektiert werden. Studierende haben so die Möglichkeit, das „theoretisch“ Erlernte umzusetzen, eigene Erfahrungen ,quasi vorab‘ zu bilden, durch ein systematisches Vorgehen zu analysieren, zu reflektierten, iterativ zu stabilisieren und selbst einzuschätzen, wie kompetent sie sind.
Mit der Integration der simulativen Pädagogik erweitert sich das herkömmlich methodische Spektrum zur Anwendung und zu Transfers von Lehrinhalten.
Die bisherigen Einsätze und Erfahrungen belegen ein hohes Maß an Interesse und Zufriedenheit der Studierenden mit dem Simulativen Arbeiten.

Voraussetzungen für die Umsetzung

• Vorhandensein der technischen und räumlichen Voraussetzungen
• Lehrende müssen Ansatz und Umsetzung der simulativen Pädagogik kennen und anwenden können
• Schaffung von datenschutzrechtlichen Voraussetzungen für den Einsatz der Videoaufzeichnung
• Wahrung der mit Simulation verbundenen Prinzipien (Vertraulichkeit in der Situation, im Team; Nichtsanktionierung und Sicherheit in den Abläufen, Wissensbasis und Kompetenzorientierung, Gleichrangigkeit aller Beteiligten, Kollegiales, nicht bewertetes Lernen im Anwendungszusammenhang, Zusammenarbeit im Team).

Vorgehensweise

Aus dem thematischen Rahmen des jeweiligen Moduls werden Inhalte definiert, die mittels der Simulativen Arbeit angewendet werden sollen. Diese festgelegten Lehr- und Lernsituationen werden entsprechend der definierten Phasen (Briefing, Durchführung (Szenario), Debriefing) der Simulativen Pädagogik von den Lehrenden ausgearbeitet:

Für jede Lerneinheit werden Lernziele (2-3 Lernziele, allgemeine und spezifische) formuliert. Für die gewählte Handlung/Situation/Ablauf wird ein „Drehbuch“ geschrieben, in dem das Setting, die Rollen, die Aufgaben der Akteur/innen und der Beobachter/innen (Studierende der Seminargruppe) charakterisiert und mehr oder weniger detailliert ausgestaltet werden. Diese Beschreibung des Settings enthält auch Entwicklungen und Variationen von Verhalten, Reaktionen und Handlungen als Maßnahmen, die eintreten (können), wenn zum Beispiel sich eine Situation aus dem geplanten Ablauf wegentwickelt, ein Ereignis in die Situation einwirkt (z. B. eine Komplikation).

Die am Szenario beteiligten Akteure werden entsprechend ihrer Rollen vorbereitet. Lehrende sind in der Funktion der Instrukteurin/des Instrukteurs tätig. Das heißt, sie planen das Szenario, steuern den Verlauf und ggf. Modifikationen. Bei der Reflexion übernehmen Lehrende eine zurückhaltende, begleitende, nachfragende, vertiefende, moderierende Position.

Das Szenario wird in einem Setting umgesetzt, das die Realität möglichst weitgehend abbildet. Das heißt, Raum, Personen, Handlungen, Situationen und Abläufe werden den Anforderungen entsprechend vorbereitet. Gewählt werden Situationen aus dem fachlich-beruflichen Alltag/Kontext, die Studierenden übernehmen mit der Situation verbundene Rollen und agieren entsprechend des vorab formulierten Lernziels in Echtzeit.

Im Rahmen der Auswertung (Debriefing) reflektieren die Teilnehmenden anschließend Situation, Sprechen und Handeln mit den weiteren Studierenden, die in einer Live-Übertragung das Szenario per Video verfolgen und anhand von Beobachtungsaufträgen sich in den Auswertungsprozess einbringen. Das Debriefing ist methodisch strukturiert. Zuerst beschreiben die Akteur/innen das Szenario anhand von unterstützenden Fragen. Aufbauend erfolgt die Analyse mit dem Ziel, dass die Teilnehmenden ihre Handlungen, ihr Vorgehen, ihr Agieren reflektieren, hinterfragen und zu Schlussfolgerungen kommen. Das Debriefing enthält keine Bewertung, kein Feedback, sondern zielt auf Reflexion und Selbstreflexion. Lehrende sind in der Moderator/innenrolle.

Dieses methodische Vorgehen entspricht nicht einem Rollenspiel, weil Setting und die Umsetzung in einer realen, der Realität nach empfundenen Situation und unter realistischen Parametern umgesetzt wird. Teilnehmende sagen regelhaft, dass sie sich im Szenario nicht in einer Übung, sondern in der tatsächlichen Situation befinden. Mit der simulativen Pädagogik wird möglich, durch Transfer und lernzielgebundene Anwendung das Realistische dieser Maßnahmen gezielt in die Vorbereitung der Studierenden auf die Anforderungen des Arbeitsmarkts, in Teamfähigkeit, interdisziplinäre Zusammenarbeit und die gemeinsame Entwicklung von Lösungen von Praxisproblemen einzubringen.

Hilfreiche Links und Quellen

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